Knusprige Kartoffelchips gehören zu den beliebtesten Snacks in deutschen Kinderzimmern. Mit einem Jahresumsatz von 790 Millionen Euro und einem Pro-Kopf-Verbrauch von 1,5 Kilogramm zeigen die Zahlen aus dem Jahr 2018, wie etabliert dieser Snack in deutschen Haushalten ist. Doch während Eltern beim Griff ins Supermarktregal oft den Eindruck gewinnen, sie würden ein Produkt mit heimischen Kartoffeln kaufen, sieht die Realität häufig ganz anders aus. Die Verpackungsgestaltung vieler Chips-Produkte im Kinderwarenbereich arbeitet gezielt mit Bildern von idyllischen Bauernhöfen, saftigen Kartoffelfeldern und regionalen Motiven – ohne dass die verwendeten Rohstoffe tatsächlich aus der suggerierten Region stammen müssen.
Wenn das Etikett mehr verspricht als der Inhalt hält
Die Tricks der Lebensmittelindustrie sind subtil, aber wirkungsvoll. Grüne Farbgebungen auf der Verpackung, Darstellungen von traditionellen Bauernhäusern oder Windmühlen, Illustrationen von Kartoffelpflanzen in üppigen Landschaften – all diese Gestaltungselemente wecken Assoziationen mit Regionalität, Tradition und Qualität. Besonders bei Produkten für Kinder setzen Hersteller auf diese emotionale Ansprache, weil Eltern bereit sind, für vermeintlich hochwertigere Lebensmittel tiefer in die Tasche zu greifen. Das eigentliche Problem liegt in der rechtlichen Grauzone: Solange keine expliziten falschen Herkunftsangaben gemacht werden, bewegen sich die Hersteller im legalen Rahmen. Eine Verpackung darf durchaus ländliche Idylle zeigen, auch wenn die Kartoffeln aus völlig anderen Regionen oder sogar Ländern stammen.
Woher kommen die Kartoffeln wirklich?
Die Kartoffel für industriell hergestellte Chips stammt längst aus einem globalisierten Markt. Eine Marktuntersuchung von Greenpeace aus dem Jahr 2025 zeigt ein klares Bild der Herkunftsvielfalt: Bei getesteten Chips-Produkten stammten etwa 34 Prozent aus Österreich, rund 40 Prozent aus der EU oder der Schweiz, und bei 25 Prozent der Produkte wurde die Herkunft überhaupt nicht angegeben. Große Produktionsbetriebe beziehen ihre Rohstoffe dort, wo sie am günstigsten eingekauft werden können – das können Kartoffeln aus verschiedenen EU-Staaten mit intensiver Landwirtschaft sein. Besonders problematisch wird es, wenn durch Bildsprache gezielt der Eindruck erweckt wird, es handle sich um deutsche oder regionale Erzeugnisse. Ein blau-weißes Farbschema mit Landschaftsmotiven kann bayerische Herkunft suggerieren, grüne Verpackungen mit Küstenmotiven lassen an norddeutsche Anbaugebiete denken.
Die Zutatenliste als Detektivarbeit
Wer die wahre Herkunft der Kartoffeln herausfinden möchte, steht vor einer echten Herausforderung. Die Greenpeace-Untersuchung dokumentiert, dass über 90 Prozent der Chipspakete keine konkreten Angaben zur Herkunft der Hauptzutaten enthalten. Die Zutatenliste gibt in den meisten Fällen lediglich „Kartoffeln“ an, ohne nähere Spezifikation. Erst in der Fußnote oder im Kleingedruckten findet sich manchmal der Hinweis „Kartoffeln aus EU-Landwirtschaft“ oder noch unspezifischer „Kartoffeln aus EU- und Nicht-EU-Landwirtschaft“. Diese Formulierungen sind bewusst vage gehalten und erfüllen dennoch die gesetzlichen Kennzeichnungspflichten. Lediglich bei einzelnen Marken wie Kelly’s-Chips oder einigen Lorenz-Produkten finden sich konkrete Herkunftsangaben wie österreichische oder deutsche Kartoffeln. Die große, ansprechende Vorderseite der Verpackung dominiert die Kaufentscheidung – die kleinen, nüchternen Fakten auf der Rückseite werden schlichtweg übersehen.
Qualitätsunterschiede bei Kartoffeln für die Chips-Produktion
Nicht alle Kartoffeln sind gleich, und das gilt besonders für die Chips-Herstellung. Spezielle Kartoffelsorten mit bestimmten Eigenschaften – niedrigem Wassergehalt, hohem Stärkeanteil, passender Größe – eignen sich besonders gut für die industrielle Verarbeitung. Diese Sorten werden gezielt für die Lebensmittelindustrie angebaut. Während deutsche Kartoffelbauern oft unter strengeren Auflagen bezüglich Pflanzenschutzmitteln, Düngemitteln und Arbeitsbedingungen produzieren, können in anderen Ländern günstigere Produktionsmethoden zum Einsatz kommen. Die Qualität der Rohkartoffel beeinflusst letztendlich auch das Endprodukt – von der Textur über den Geschmack bis hin zu möglichen Rückständen von Pflanzenschutzmitteln.

Der Kinderwarenbereich als besondere Vertrauensfalle
Gerade bei Lebensmitteln, die speziell für Kinder vermarktet werden, setzen Eltern ein hohes Vertrauen in die Hersteller. Die Erwartungshaltung ist klar: Was für Kinder produziert wird, sollte besonders sorgfältig ausgewählt und kontrolliert sein. Diese Erwartung nutzen manche Hersteller aus, indem sie durch geschickte Verpackungsgestaltung Qualität suggerieren, die nicht zwangsläufig gegeben ist. Bunte Cartoon-Figuren auf der Vorderseite lenken zusätzlich von den tatsächlichen Produktinformationen ab. Kinder beeinflussen die Kaufentscheidung durch ihre Wünsche, Eltern verlassen sich auf die visuelle Anmutung der Verpackung – ein perfektes Zusammenspiel aus Marketingpsychologie und gezielter Informationssteuerung.
Rechtliche Rahmenbedingungen und ihre Lücken
Die Lebensmittel-Informationsverordnung der EU schreibt vor, dass Herkunftsangaben nicht irreführend sein dürfen. Wenn jedoch keine konkrete Herkunft genannt wird, sondern nur Bilder eine bestimmte Assoziation wecken, bewegt man sich in einem rechtlichen Graubereich. Gerichte haben in der Vergangenheit unterschiedlich geurteilt, wann eine Verpackungsgestaltung als irreführend einzustufen ist. Das Problem: Gerichtliche Auseinandersetzungen sind langwierig und kostspielig. Verbraucherschutzorganisationen können nicht jedes Produkt überprüfen und gegen jeden möglichen Verstoß vorgehen. So bleiben viele grenzwertige Verpackungsdesigns jahrelang im Handel, bevor sie eventuell beanstandet werden.
Worauf Sie beim Einkauf achten sollten
Als aufmerksamer Verbraucher können Sie sich vor irreführendem Marketing schützen. Lesen Sie grundsätzlich die Rückseite der Verpackung und suchen Sie nach konkreten Herkunftsangaben. Formulierungen wie „hergestellt in Deutschland“ beziehen sich nur auf den Produktionsort, nicht auf die Rohstoffe. Achten Sie auf spezifische Angaben wie „aus deutschen Kartoffeln“ oder „mit Kartoffeln aus regionaler Landwirtschaft“. Prüfen Sie, ob die Verpackungsgestaltung zu den tatsächlichen Angaben passt. Wenn eine ländliche deutsche Szenerie abgebildet ist, aber auf der Rückseite nur „EU- und Nicht-EU-Landwirtschaft“ steht, sollten Sie kritisch werden. Lassen Sie sich nicht von emotionalen Bildern oder Kindermotiven von den harten Fakten ablenken.
Transparenz als Wettbewerbsvorteil
Einige Hersteller haben erkannt, dass echte Transparenz bei der Herkunftsangabe zum Verkaufsargument werden kann. Marken wie Kelly’s oder Lorenz Bahlsen kennzeichnen ihre Produkte teilweise klar und deutlich mit der tatsächlichen Herkunft der Kartoffeln. Lorenz gibt beispielsweise bei manchen Produkten an, dass deutsche Kartoffeln verwendet werden und bei Ernteausfällen auf EU-weite Beschaffung zurückgegriffen wird. Solche konkreten Angaben sind jedoch im Gesamtmarkt noch die Ausnahme. Diese Transparenz hat ihren Preis – sowohl für den Hersteller als auch für den Verbraucher. Chips aus nachweislich regionalen Kartoffeln kosten meist mehr als Massenware mit undurchsichtiger Herkunft. Die Verantwortung liegt letztendlich bei beiden Seiten: Hersteller sollten zu ehrlicher Kommunikation verpflichtet werden, Verbraucher müssen bereit sein, genauer hinzuschauen und kritische Fragen zu stellen. Gerade wenn es um Lebensmittel für unsere Kinder geht, sollte die Herkunft kein Geheimnis sein, das hinter ansprechenden Verpackungsbildern verborgen wird.
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